Bernstein_Abenteuer

Bernstein

“Vor langer Zeit”, begann die Eisverkäuferin, und es holperte plötzlich nicht mehr so doll, “lebte die bezaubernde Göttin Jurate. Jurate war eine Nymphe, auch Meernixe genannt. Sie lebte tief am Meeresgrund in einem gigantischen Bernsteinpalast. Der Palast hatte unendlich viele Zimmer und Türme und Korridore und Treppen und Säle – und alles war aus purem Bernstein. Stell dir vor, wie das funkelte und glitzerte, und trotzdem war es warm und gemütlich.”

SchlossLenny versuchte, sich riesige Zimmer und Flure vorzustellen, in denen die Wände, Decken und Böden aus poliertem Honig waren und leuchteten wie die Sonne unter Wasser.

“Eines Tages”, fuhr die Frau fort, “fing ein junger Fischer zu viele Fische. Jurate, die darüber wachte, dass das Gleichgewicht des Meeres erhalten blieb, kam sofort an die Oberfläche, um mit ihm zu schimpfen. Aber der junge Mann war so hübsch und sah sie aus sanften Augen so liebevoll an, dass sie sich in ihn verliebte! Sie nahm ihn mit hinunter in ihren Bernsteinpalast, und eine Weile lebten sie glücklich. Doch dann merkte ihr Vater, der Donnergott, dass seine Tochter einen Sterblichen zum Mann genommen hatte. Darauf zürnte er so sehr, dass er Jurates Mann tötete und den Bernsteinpalast mit einem Blitz in Millionen kleine Stücke zersplittern ließ. Das sind die Bernsteinlager am Meeresgrund!”

Lenny schaute die Küste entlang. Bloß – wie fand er etwas davon?

“Die Göttin schleicht noch heute jede Nacht am Strand entlang und weint um ihren toten Mann. Und ihre Tränen werden auch zu Bernstein. Denk an Jurate – dann findest du die Tränen der Göttin.”

Der Wagen stoppte. Seitlich von ihnen lag ein Strandübergang. Ein Stück weiter packte die einzige Familie am Strand ihre Sachen zusammen. Der Mann winkte ihnen zu.

“Spring ab”, sagte die Frau. “Ich fahr hier rauf und nach Hause. Deine Leute warten schon auf dich.” Sie drehte ab und tuckerte den Strandübergang hinauf.