Fliegen

Fliegen

Judo war ein kaltes Blau. Wie jedes Wort hatte auch Judo eine Farbe, die gemeinsam mit dem Wort auftauchte, ohne dass er es steuern konnte. Und weil die Farben ihn ablenkten, war er langsam mit Worten. Viel langsamer als Cara, die deshalb seine Stimme war.

Seine Stimme gewesen war! Als sie ihn noch nicht im Stich gelassen hatte!

“Alles plan?”, fragte Cara leise. Alles plan hieß alles in Ordnung in ihrer Geheimsprache. Lenny biss die Zähne zusammen, dann lehnte er sich extra locker im Stuhl zurück und nickte. Cara sah erleichtert aus.

Anna nahm die zweite Lage Bratwürste vom Grill. “Bestimmt freut ihr euch schon doll”, sagte sie, ” dass ihr am Freitag mit Caras Papa ins Olympiastadion geht und euch das Fußballspiel anschaut!”

Cara hob die Hand zum Siegeszeichen.

Lenny konnte nichts mehr essen, sein Magen war wie zugeschnürt. Mit Cara ins Olympiastadion gehen? Mit Cara in Urlaub fahren? Mit einer, die ihn im Stich ließ? Dabei hatte er sich tatsächlich wahnsinnig gefreut, als sie die Toastbrot-Wette gegen Caras Vater gewonnen hatten. Ein echtes Fußballspiel im Olympiastadion war ein lang ersehnter Wunsch, und Herr Simmons hatte Tickets für die zweite Bundesliga besorgt. Aber jetzt wusste Lenny nicht mehr, was er machen sollte. War das komische, fliegende Etwas ein Zeichen gewesen? Was hatte das alles zu bedeuten?

An den folgenden Tagen grübelte und grübelte er, wie er sich verhalten sollte. Besser-nicht? Vielleicht-doch? Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Cara schlich auffallend still durch die Gegend.

Am Mittwochnachmittag schlurfte er alleine den Schulweg nach Hause. Seine Beine fühlten sich an wie mit Gewichten behangen, er schleppte sich die Treppe rauf, zog sich am Geländer hoch und erreichte mit einem Schweißausbruch die Wohnungstür.